
OT: Santa Sangre
Land: Italien, Mexiko
Jahr: 1989
FSK: 18
Regie: Alejandro Jodorowsky
Darsteller: Axel Jodorowsky (Fenix), Blanca Guerra (Concha), Guy Stockwell (Orgo), Thelma Tixou (Tätowierte Frau), Sabrina Dennison (Alma), Adan Jodorowsky, Faviola Elenka Tapia, Teo Jodorowsky
Laufzeit: 119 min.
Inhalt:
Fenix ist der Sohn einer Artistenfamilie, die in Mexico City in einem Zirkus arbeitet. Der kleine Fenix selbst arbeitet dort als Zauberer. Sein Vater Orgo als Messerwerfer mit hypnotischen Fähigkeiten. Das Verhältnis zwischen seinem Vater und seiner Mutter Concha wird auf eine harte Probe gestellt, da dieser sich sichtlich zu seiner Auftrittspartnerin, einer von Kopf bis Fuß tätowierten Lady, hingezogen fühlt, was Concha natürlich nicht verborgen bleibt. Dazu kommt, dass Concha in einer eigenartigen Sekte ist, die ein totes Mädchen verehrt, welches vergewaltigt wurde und der beide Arme abgetrennt wurden. Die Kirche der Sekte wird platt gemacht, Concha erwischt während einem ihrer Auftritte ihren Mann mit der tätowierten Frau, es kommt zum Streit, Orgo trennt Concha beide Arme ab und nachdem sie ihm zuvor mit Säure sein bestes Teil verätzt hat und er immer so stolz auf seine Männlichkeit war, schlitzt er sich vor den Augen seines Sohnes die Kehle auf… Dazu kommt, dass Fenix „Kinderliebe“, die taubstumme Alma, die Tochter der tätowierten Frau, nach diesem Eklat den Zirkus mit ihrer Mutter fluchtartig verlässt.
Fenix verbringt seine Jugend fortan in einer Anstalt um die Geschehnisse zu verkraften. Eines Tages steht seine Mutter ohne Arme vor dem Fenster, er flieht gemeinsam mit ihr. Sie leben fortan zusammen und er „leiht“ ihr seine Arme. Das Dumme ist nur, sobald Fenix ein nettes Mädchen kennenlernt, hat seine Mutter etwas dagegen und da sie „Macht über seine Arme hat“, zwingt sie ihn, all die Frauen zu töten.. bis seine Alma wieder auf der Bildfläche erscheint und eine wundersame Wendung der Geschichte herbeiruft….
Eindrücke:
Na klingt das nicht interessant? Sicherlich nicht jedermanns Thematik aber wer sich darauf einlässt sich hinter die schillernden Fassaden der Zirkuswelt in eine bizarre, teils düstere Welt geprägt von Jodorowskys eigenen Kindheitserfahrungen entführen zu lassen, der ist hier genau richtig.
Zu Beginn des Films sieht man einen nackten Mann in einer geschlossenen Anstalt der auf einem Baumstumpf sitzt wie ein Affe im Tierpark. Die Pfleger kommen um ihn zu betreuen und schon bald folgt ein ca. 40-minütiger Rückblick darauf, was Fenix zu diesem „affenartigen Wesen“ in der Anstalt gemacht hat. Man sieht seine Mutter inmitten der Sektenmitglieder wie diese sich mit fanatischem Eifer dafür einsetzt, dass die Kirche nicht abgerissen wird und nur durch ihren Sohn Fenix davon abgebracht werden kann sich selbst für die Sekte zu opfern. Wir sehen die kindliche und doch zärtliche Beziehung zwischen Fenix und Alma und als krassen Gegensatz die unzüglichen sexuellen Gesten mit denen Almas tätowierte Mutter Fenix Vater in ihren Bann zieht. Das Ganze steigert sich unter teilweise fast nervtötenden, nahezu monotonen Zirkusklängen, die aber so gar nichts von dem fröhlichen Beigeschmack haben, den man erwarten würde, zu einem Höhepunkt. Wie in der Story beschrieben endet das ganze mit der „Entarmung“ (neue Wortkreation
) der Mutter und dem Tod des Vaters durch dessen eigene Hand. Ganz unblutig geht das natürlich nicht von statten aber auch zartbesaitete sollten das überstehen. Für Fenix der das alles mit ansehen muss bricht eine Welt zusammen, vor allem als sein letzter rettender Halm in der Brandung – Alma – auch noch mit ihrer Mutter fortgerissen wird. – Eine wahre Tragödie eingehüllt in bunte, nahezu grelle Zirkusbilder die dennoch düster und beklemmend wirken.
Der zweite, etwas längere Teil des Films spielt dann in der Gegenwart. Zunächst soll Fenix in der Anstalt neue „Freunde“ finden doch auch da läuft einiges schief und er ist froh, als er eines Tages seine Mutter vorm Fenster sieht. Von da an sieht er sich verpflichtet dieser zu helfen und ihr seine Arme zu leihen – und das im wahrsten Sinne des Wortes! Nein, nein, sie werden nicht abgetrennt, viel skurriler. Immer wenn seine Mutter die Arme und Hände benötigt, steht Fenix dicht hinter ihr und schiebt seien Arme durch speziell dafür vorgesehene Öffnungen in der Kleidung seiner Mutter und führt für sie Tätigkeiten wie stricken, Klavierspielen oder Frühstücken aus. Kaum ruft seine Mutter ist er zur Stelle. Eine wahre Abhängigkeit die beim Zuschauer ein eigenartig, beklemmendes Gefühl auslöst, nicht zuletzt aufgrund des engen Verhältnisses das somit zwischen Sohn und Mutter entsteht.
Vom Zirkus kommen die beiden auch nicht los. Sie haben eine kleine private Bühne auf der sie gemeinsam auftreten und auch mit anderen Artisten in Kontakt treten. Schön gemacht sind auch die Verbindungen zum Film „Der unsichtbare Mann“ – Fenix versucht krampfhaft genauso unsichtbar zu werden, obwohl er ohnehin nur noch ein Schatten seiner Mutter ist.
Zwischendurch gibt es einige wenige Szenen, die einen auch an die anderen etwas surrealistischeren Filme Jodorowskys erinnern, z. B. eine Jesusfigur inmitten von Hühnern, die mit selbigen beworfen wird oder eine Szene am Friedhof als Fenix mit den weiß angestrichenen Opfern seiner bzw. der Taten seiner Mutter konfrontiert wird. Diese weiße Farbe ist auch irgendwie ein Schlüssel, er pinselt alle Leichen weiß an. Vermutlich weil seine Alma damals immer komplett weiß geschminkt war und um diesen Kreis wieder zu schließen tritt Alma am Ende des Films wieder in sein Leben und schminkt sich bevor er sie wieder sieht auch wieder weiß…
Zuvor jedoch mordet Fenix gezwungen durch die hypnotischen Fähigkeiten seiner Mutter durch die sie seinen Geist beeinflusst und seine / ihre Hände führt. Das mit den Händen ist auch sehr gut gemacht. Fenix trägt immer sehr feminine Pullis, die passend auf die ärmellosen Roben seiner Mutter abgestimmt sind, damit er immer wenn sie ihn braucht gleich mal hinten rein schlüpfen kann und das Ganze gibt immer ein optisch perfektes Bild wenn sie gemeinsam agieren, dagegen wenn er alleine etwas unternimmt wirt dieser Aufzug geradezu lächerlich. Wenn Fenix ausgeht, (ver)kleidet er sich immer wie ein Zauberer mit Frack und Zylinder. So erobert er auch die Herzen vieler Frauen und zugegeben, er sieht trotz (oder gerade wegen) seinem femininen Touch wirklich irgendwie anziehend aus. Die Frauen mit denen er etwas anfängt sind allerdings passend zum Film ebenfalls etwas strange. Vor allem die letzte, die stärkste Frau der Welt hat es ihm angetan aber seine Mutter ist letztendlich doch stärker 
Irgendwann kommt dann eben Alma und die Wende des Films. Vielleicht konnte man es erahnen, vielleicht nicht? Es gibt auf jeden Fall eine sehr krasse Wende, die mir sehr gut gefallen hat und die einfach perfekt zum Film passt. Ich möchte hier allerdings rein gar nichts verraten, weil jedes Wort zu viel eben zu viel sein könnte und ich denke man sollte es sich selbst anschauen. Wer wissen will worauf es hinausläuft, dem erzähl ich es gerne im Gästebuch privat aber nicht an dieser Stelle.
Vielleicht noch etwas zu den Hintergründen: Jodorosky hat für den Film Menschen genommen, die tatsächlich so sind wie in seinem Film. Es gibt eine Szene in der sich hungrige Straßenkinder auf den toten Zirkuselefanten stürzen, hier hat er wirklich Straßenkinder genommen, Adan Jodorowsky (der kleine Fenix) war im wirklichen Leben der jüngste Zauberer der Welt, Axel Jodorowsky (der große Fenix) war ausgebildeter Pantomime, deshalb auch die perfekte Gestik der Hände wenn er sie der Mutter „leiht“, Sabrina Dennison, die Alma spielt, ist tatsächlich taubstumm und die Behinderten waren natürlich wirklich Behinderte – wobei hier erwähnt werden muss, dass diese in diesem Film an keiner Stelle irgendwie zur Schau gestellt werden, sondern im Gegenteil wirklich nett und wie „normale“ Menschen behandelt werden. Wer jetzt wegen den Namen der Fenix Darsteller nachgrübelt, bevor Fragen kommen: ja, Adan ist Alejandros jüngster Sohn, auch Axel ist einer seiner 4 Söhne. Ob der Gnom der als Teo Jodorowsky im Abspann auftaucht wirklich aus dessen Familie stammt ist unbekannt, wohl eher ein „Bruder im Geiste“. Ein weitere Sohn Alejandros tritt kurz als Pfleger in der Anstalt auf.
Ich kann den Film auf jeden Fall nur jedem Empfehlen. Er verbindet mystisch, dramatische Elemente mit ein paar netten Splattereinlagen. Es geht um Gefühle, um Liebe um Wahn, Verzweiflung, einfach mitreißend. Ein Film an den man sich sicher noch länger erinnern kann und über den man gerne auch mal nachdenkt und diskutiert. „Warum? Es gibt kein Warum?. Wenn man Kunst kreiert, fragt man nicht Warum?. Es kommt von der Seele und dann tust Du es. Warum? Weil es fantastisch ist. Weil ich es mag!“ – Alejandro Jodorowsky
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